schwarzweiße Porträtfotografie von Rike

Mama ist krebskrank. Und jetzt?

Raus aus der WG und zurück nach Haus: Wie Rike ihre Mutter durch die letzten Monate ihres Lebens begleitete.

Wenn Rike abends nach Hause in ihre Wohnung kommt, warten ihr Verlobter und ihre zwei Kater auf sie. Es ist eine kleine, gemütliche Wohnung. Und es ist dieselbe Wohnung, in der die 25-Jährige vor drei Jahren ihre Mutter Heike gepflegt hat.

Ins Krankenhaus kam ihre Mutter das erste Mal 2007. Rike war da 15, ihre Schwester elf Jahre alt. Dann, 2010: die Diagnose Darmkrebs. Um den faustgroßen Tumor zu bekämpfen, wurde Heike bestrahlt und operiert. Gerade 18 und den Realschulabschluss in der Tasche, stand Rike kurz vor dem Start ins Berufsleben. „Damals hab ich ein Berufseinstiegsjahr gemacht, das mir erstens nicht sonderlich lag, und zweitens hab ich permanent daran gedacht, dass Mama krank ist und mit Übelkeit und Schmerzen auf der Couch liegt.“ Sie sprach mit dem Schulleiter, der sie schließlich aus ihrer Schulpflicht entließ.

Immer wieder tauchten in den Folgemonaten Metastasen auf. Weitere Behandlungen und eine Operation an der Leber folgten. 2015 sollte Heike wegen eines Magenbypasses ins Krankenhaus. Doch die Nähte am Bauch haben nicht gehalten. Nach drei Monaten ist sie auf eigenen Wunsch nach Hause gekommen. Mit den Wunden am Bauch und der kaum noch funktionierenden Leber wurde Heike mit 53 Jahren zum Pflegefall.

Zurück zur Mutter

Kurzentschlossen zog Rike aus ihrer WG aus – und wieder zurück zu ihrer Mutter und Schwester. Sie wohnten zu dritt in der Zwei-Zimmer-Wohnung. Rike teilte sich das Zimmer mit ihrer Schwester, schlief auf einer Matratze auf dem Boden. Drei Monate lebten die Frauen so zusammen. In der Zeit hat sich Heike nicht sonderlich erholt. Doch die beiden Schwestern leisteten ihr Gesellschaft, schauten Filme oder puzzelten mit ihr. Es war eine intensive Zeit. Das Verhältnis der drei Frauen war am Ende sehr eng. „Wir haben uns oft umarmt und ‚ich hab dich lieb’ gesagt. Das war schön. Denn vorher hab ich das nie gemacht, da war das einfach klar.“

Sie hatte auch gelernt, ihre Mutter zu lagern. Wie bei einem Kind stopfte sie am Ende die Bettdecke unter. „Das fand Mama immer total klasse und meinte oft ‚Kannst du mich bitte noch mal so zudecken, dann kann ich immer so gut schlafen’. Das war immer ganz niedlich und hat mir ein gutes Gefühl gegeben.“ Nachts schlief ihre Mutter im Wohnzimmer. Dort und im Zimmer der Schwestern stand ein Babyfon. Für den Fall, dass Heike nachts Hilfe brauchte. „Ich hab immer mal bei ihr reingeguckt, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist“, erzählt Rike. Weil sie nachts auf Abruf war, nahm sie sich ihre Auszeiten tagsüber. Wenn ihre Schwester da war, oder ihre Mutter schlief. Dann kam Rike zur Ruhe, las, sah Fernsehen oder saß am PC. Diese Zeiten waren wichtig. „Man muss sich Auszeiten nehmen, ansonsten geht man kaputt.“

Hilfe vom Pflegeteam

Zwei- bis dreimal am Tag kam ein Pfleger des Palliativ-Teams vorbei. Heike hatte damals einen künstlichen Ausgang. Das sei ein bisschen tricky gewesen, sagt Rike. „Bei meiner Mutter hat ja nichts mehr gehalten. Der Bauch war voll mit Narben. Und dann gab es immer mal wieder irgendwelche Lecks, wo dann… wie kann man das elegant ausdrücken… wo das, was aus dem künstlichen Ausgang herauskommt, neben den Beutel gelaufen ist.“ Zwischen den Besuchen des Palliativ-Teams sprangen die Mädchen in einem solchen Fall selbst ein. Das bedeutete: Saubermachen, desinfizieren, den Beutel mit Klebepflastern und Mullbinden fixieren. „Da haben wir ziemlich viel improvisiert. Denn so, wie es eigentlich gehen sollte, hat es nie funktioniert. Auch die Pfleger mussten viel basteln.“ Beim Waschen half Rike ihrer Mama ebenfalls, übernahm Haare, Rücken, Beine, Füße und so weiter.

Mit den Pflegern hat Rike gute Erfahrungen gemacht. „Das waren sehr liebe Menschen. Sie haben sich viel Zeit genommen, schließlich hat es oft gedauert, dieses ganze Pflasterpuzzle auf Mamas Bauch zu ordnen.“ Den Schwestern gegenüber waren sie sehr direkt und haben ihnen offen gesagt, dass keine Besserung in Sicht ist. Und dass sie sich darauf einstellen müssen, dass es nicht mehr lange dauert. Weil Heikes Leber nicht mehr vernünftig arbeiten konnte, hat sie ihren Körper nach und nach vergiftet. „Wir wollten es nicht wahrhaben, haben es verdrängt. Im Nachhinein war es aber gut, dass sie so offen mit uns umgegangen sind.“

Abschied nehmen

Es sei eben das Unvermeidbare, sagt Rike mit ruhiger Stimme. Irgendwann sterben die Eltern. „Klar darf ich trauern. Aber ich darf mich da nicht drin verlieren. Also haben wir versucht, so weiterzumachen wie vorher. Nur dass jetzt eben jemand fehlt.“ Sie behielt die Kater ihrer Mutter. Sie helfen ihr noch heute dabei, den Verlust zu verkraften, gehörten sie doch ihrer Mama. Auch ihr Verlobter war eine große Stütze – schon als ihre Mutter erkrankte. Gemeinsam mit ihrer Schwester besuchte sie außerdem eine Trauergruppe. „Das hat tatsächlich sehr geholfen“, sagt Rike. „Man tauscht sich aus mit jungen Leuten, die ähnliches erlebt haben.“

Wenn Rike abends nach Hause kommt, hat sie den Tag mit Nähen verbracht. Sie absolviert eine Ausbildung zur Änderungsschneiderin und ist damit sehr glücklich. Ihre Kollegen kennen ihre Geschichte. Wissen, warum sie manchmal überfürsorglich ist und in Extremsituationen einen kühlen Kopf bewahren kann. Und warum es sie trifft, wenn andere Menschen ihre Eltern für selbstverständlich halten.

Das möchte Rike euch mit auf den Weg geben:

  • Niemand kann euch die Erfahrung nehmen. Ihr habt euch um einen Menschen gekümmert, der sich mal um euch gekümmert hat. Man kann so viel zurückgeben. Das ist eine ganz tolle Sache, die man sein Leben lang behält.
  • Ihr seid nie allein. Es gibt viele Stellen, an die ihr euch wenden könnt und die wissen, was ihr durchmacht. Sprecht auch mit der Familie, Bekannten oder Leuten, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben.
  • Schämt euch nicht. Erkennt stattdessen, was ihr geschafft habt: Ihr habt euch in jungen Jahren um einen Menschen gekümmert. Das ist eine starke Sache.

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